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Es war einmal ein kleiner Kater.

 

 .. Er verließ schon sehr jung sein Nest, die Geborgenheit in der Nähe von Mutter und Geschwister. Er wollte seine Umgebung, die ganze Welt erforschen.

Er war ein recht hübsches Kerlchen, mit großen gelben Augen, einem getigerten Fell mit weißen Pfoten, einem weißen Bäuchlein und der weißen Blesse im Gesicht, die ihn unwiderstehlich erscheinen ließ.

Ihm gehörte die Welt, er brachte alle Voraussetzungen dazu mit, Schönheit, Charme, Mut, eine gehörige Portion Frechheit und das Wissen darüber, wann man wie weit gehen kann.

Die Tage bestanden aus jagen, fressen, spielen, schlafen.

Er begegnete seinem Vater dem Wildkater, der sich weder um die Mutter noch um die Babys gekümmert hatte, der aber auch nicht vermißt wurde. Von ihm hatte er speziell den Mut und das hübsche Aussehen geerbt, intuitiv ging er ihm aus dem Weg - er war ein Rivale.

„Warum hast Du Dich nicht um uns gekümmert?“ fragte er ihn bei der ersten Begegnung.

„Das ist nicht meine Aufgabe. Ich muß dafür sorgen, daß es Nachwuchs gibt, Deine Mutter war für die Aufzucht zuständig. Ich bin ein König, ich kann mich nicht um Gefühle kümmern“. „Was sind Gefühle?“ fragte der kleine Kater. „Und bin ich nicht auch ein König?“

„Du bist ein kleiner Kater und Du solltest nicht so viel fragen, ich habe keine Zeit für Dich. Finde selber heraus, was Gefühle sind. Aber laß Dich nicht von ihnen einfangen, sie sind schlecht!“.

Das war also die erste Lektion: Gefühle sind schlecht. Irgendwie konnte der kleine Kater das nicht verstehen. Mutters Gefühle waren warm und kuschelig. Er erinnerte sich daran, daß sie sein glänzendes Fell putze, jedes einzelne Haar glatt strich, dafür sorgte, daß er satt war, ihn vor Gefahren beschützte. Sie präsentierte den Menschen stolz ihren Nachwuchs und sorgte damit, daß er diese seltsamen Zweibeiner kennenlernte, die offensichtlich auch über Gefühle verfügten, denn sie stießen seltsame Laute aus und wurden nicht müde, den kleinen Kater zu hätscheln und zu liebkosen.

„Ich glaube Dir nicht!“ sagte der kleine Kater und ging los um seine eigenen Erfahrungen zu machen.

Er machte sich auf zu seiner Freundin, der Menschenfrau. Er huschte durch die Türe in das Wohnzimmer. Sie war überrascht, den kleinen Kater so nahe zu sehen. Bisher hatte er nie ihre Nähe gesucht und sie wußte auch nichts davon, daß er sie bereits als Freundin ausgewählt hatte. Sie sah ihm zu, wie er die Wohnung vorsichtig in Besitz nahm, indem er von Zimmer zu Zimmer ging, auf die Fensterbank sprang, sich geschickt zwischen den Blumentöpfen bewegte, er schien alles neugierig in sich aufzunehmen, jeden Geruch, jedes Geräusch. Natürlich blieb es nicht aus, daß er vor lauter neuen Eindrücken eine Vase übersah, die mit einem lauten Knall zu Boden fiel, in tausend Scherben zersplitterte und das Wasser sowie die Blumen auf dem Teppich ein ungewohntes Muster hinterließen. Die Menschenfrau schrie erschrocken auf und der kleine Kater erschrak fürchterlich. Er blieb wie erstarrt stehen und wartete auf die Reaktion der Freundin.

„Hast Du Dir wehgetan? Bleib bloß ruhig sitzen, ich muß die Scherben wegräumen, sonst verletzt Du  Dich noch. Was bist Du doch für ein wildes Kerlchen, ich glaube nicht, daß ich Dich behalten sollte.“

Doch dann hob sie ihn sanft hoch und drückte ihn an ihr Gesicht. Wie gut sie roch, er liebte ihr Parfüm. Und ganz offensichtlich liebte sie ihn auch, den sie schimpfte nicht, daß er die Vase zerbrochen hatte und er war sich sicher, daß sie ihn behalten würde.

Er hatte Hunger. Wie sollte er ihr das beibringen? Irgendwo in diesem Hause mußte es doch eine Küche gehen. Das hatte ihm seine Mutter beigebracht: die Küche und das Schlafzimmer sind die besten Plätze im Haus, dort gibt es was zum Essen und man kann sich ausruhen.

Also, wo war die Küche? Er entwand sich den Armen der Frau , sprang auf den Boden und machte sich auf die Suche. Er konnte sich auf seine Nase verlassen, sie zeigte ihm den Weg. In der Küche angekommen, machte er sich dran, laut zu Miauen. Er wurde immer energischer und lauter und siehe  da, die Zweibeinerin erschien.

„Hast Du Hunger?“ Welch eine Frage, natürlich hatte er Hunger.

Er beobachtet sie, wie sie an den Kühlschrank ging und Dosenmilch herausnahm. Aus dem Küchenschrank holte sie Alete-Kinderbrei. Beides vermischte sie mit warmen Wasser, füllte es in ein Schälchen, stellte es auf den Boden. „Kinderbrei! Das darf doch nicht wahr sein“ dachte der kleine Kater. „Ich bin doch kein Baby mehr, ich bin ein zukünftiger König“. Da der Hunger aber doch größer war als sein angegriffener Stolz, machte er sich über den Brei her.

„Schmeckt gar nicht schlecht, es erinnert mich so an die Zeit mit Mutter und Geschwistern. Und man muß mit den Menschen auch Nachsicht haben, sie haben alles mögliche im Kühlschrank und in der Speisekammer, aber das Wichtigste fehlt: Katzenfutter.“

Sein kleines Bäuchlein füllte sich mit Brei und als er den letzten Rest aus Schälchen und vom Näschen geschleckt hatte, machte er sich auf, einen Schlafplatz zu suchen. Natürlich protestierte die Zweibeinerin, war zu erwarten, andererseits brauchte man sich nicht an ihre Worte halten, ein Blick aus den gelben Augen genügte und ein resigniertes „okay“ ließ erkennen, daß er mal wieder erster Sieger blieb.

Er hatte eine neue Heimat gefunden, sie bot ihm Geborgenheit, Wärme, Zuneigung und vor allem war immer für sein leibliches Wohl gesorgt.

Gefühle waren also etwas wunderbares, die Zweibeinerin hatte so viele davon.

Aber wie das Leben so spielt, die glücklichen, gemeinsamen Tage waren gezählt.

Der kleine Kater wußte es sofort, als der den Mann sah.

„Er ist nichts für Dich, sieh ihn Dir an, er wird Dich verletzen, laß ihn nicht in Dein Herz!“

Aber sie hörte nicht auf ihn, er mußte sich sogar einen anderen Schlafplatz suchen. Er begann den Mann zu hassen. Und es war offensichtlich, daß der Mann auch ihn nicht mochte. Nie brachte er ihm ein Geschenk, gedankenlos streichelte er über seinen Rücken, wenn der Kater in seiner Nähe war, zu oft sagte er „NEIN“ und „LASS DAS“, „RUNTER MIT DIR“.

Ein Kater gehört nicht ins Schlafzimmer, nicht auf die Anrichte in der Küche, man kann doch nicht zulassen, daß er gelegentlich seine Krallen in Teppich und Polster schlägt und so weiter, und so weiter.

Der kleine Kater überlegte, ob er sich ein anderes Zuhause suchen sollte, aber er wußte, daß er seine Freundin in diesen Tagen nicht im Stich lassen konnte. Sie brauchte ihn, sie würde schon erkennen, daß sie ohne ihn verloren war. Also zog er sich zurück und beobachtet aus der Distanz das Geschehen.

Es war keine Frage, für seine Freundin war dieser Mann die große Liebe, das ganze Haus bestand nur aus Gefühlen und Emotionen und der Mann genoß das alles sehr. Es dauerte einige Zeit, bis die Frau merkte, daß ihr etwas fehlte. Der Mann hatte nämlich in der Zwischenzeit auch dafür gesorgt, daß der kleine Kater nur mehr zum Futterholen ins Haus durfte.

Erst wußte die Frau nicht, was sie vermißte. Die Tage waren hektisch und laut, die Abende brachten keine Erholung, immer war sie in „Bereitschaft“ alles für ihn zu tun. Sie suchte nach Bestätigung und Geborgenheit, aber irgend wie hatte sie das böse Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Je mehr sie sich bemühte, um so weniger bekam sie zurück. Sie wurde müde, ihre leuchtenden Augen verloren den Glanz, ihre Energie wurde durch eine unsichtbare Macht abgezogen und schwächte ihr Tun. Sie merkte lange nicht, daß sie sich aufgab, daß sie einen Fehler nach dem anderen machte. Sie vernachlässigte die Freunde, die Familie und natürlich auch den kleinen Kater. Er war in der Zwischenzeit zu einem großen Kater herangewachsen, seine wachen Augen sahen alles und sein Katerherz wurde täglich betrübter.  Er wußte nicht, wie er ihr helfen sollte. Die Macht, die dieser Mann auf seine Freundin ausübte war zu groß, sie Gefühle, die sie ihm entgegen brachte,  waren zu tief.

Der mittlerweile große Kater war in Schwierigkeiten: was war das nun mit den Gefühlen? Hatte sein Vater doch recht gehabt? Sollte man sich davor hüten, ihnen aus dem Wege gehen? Warum war das Leben so kompliziert? Als er noch alleine mit seiner Zweibeinerin lebte war alles so ungetrübt, es gab nur Freude, Spaß, ab und zu ging etwas zu Bruche und es gab einen Klaps auf das Hinterteil. Es war der Himmel auf  Erden. Nun zeigten sich aber dunkle Wolken am Horizont und es schien kein Licht in Aussicht am Ende des Tunnels.

Irgendwie mußte er diesen Mann loswerden, es war abzusehen, daß er verlangte: entweder der Kater oder ich. Und der Kater war sich nicht so sicher, daß sie ihn wählen würde.

So sehr er sich auch bemühte und quälte, er fand keinen Ausweg.

Als er eines nachts aus einem Alptraum hochschreckte, sah er eine kleine Maus an seiner Seite. Sofort war er hellwach und wollte sich auf seine potentielle Beute stürzen, denn „für Mäuse ließ er sich selbst nachts wecken“.

Irgend etwas hinderte ihn plötzlich, seine Pfoten in das Mäuschen zu schlagen. Sie sah ihn aus den winzigen Knopfaugen an, bewegte sich nicht.

„Ich bin ein verzauberter Prinz“ ließ das Mäuschen vernehmen. Der Kater fiel vor Schreck auf den Rücken und brach dann in schallendes Gelächter aus.

„Du denkst doch nicht, daß ich an Märchen glaube. Ich bin ein großer Kater, ich werden einmal ein König. Also laß den Quatsch. Warum hast Du mich geweckt? Hattest Du keine Angst, daß ich Dich fresse?“

„Nein“, sagte die Maus, die angeblich ein verzauberter Prinz war. „Du wirst mir nichts tun, Du hast zu viele Gefühle, die wirst nie König“.

Sie fing an in dem dunklen Raum herumzulaufen und setzte sich schließlich genau dort hin, wo ein Lichtstrahl des Mondes durch die Ritzen des Klappladens fiel. Irgendwie sah es gespenstisch aus und er große Kater kam sich blöde vor. Aber etwas hinderte ihn immer noch, sich auf die Maus zu stürzen.

„Sag mir was Du hier willst“

„Ich werde Dir und Deiner Menschenfreundin helfen“

„Wie willst Du das tun? Ich bin klug und mir ist bisher nichts eingefallen. Ich habe es mit List versucht, ich war besonders lieb, ich habe versucht Mitleid zu erregen, ich habe geschnurrt, mich von meiner besten Seite gezeigt. Alles ohne Erfolg“.

„Du mußt es mit Gefühlen machen“.

„Sei nicht albern. Das was ich gemacht habe, war gefühlvoll“.

„Nicht genug. Du mußt alles geben und Du darfst nichts erwarten“.

„Nun wird es schwierig. Ich habe gewußt, daß Du nicht ganz bei Troste bist. Was heißt denn hier nichts erwarten? Das tun wir doch alle. Du kannst mir doch nicht erzählen, daß Du soooo selbstlos bist. Wer etwas gibt, will auch etwas dafür haben.“

„Du irrst Dich, mein König!“

„Sei nicht albern“. Langsam wurde der große Kater ungeduldig und auch etwas wütend. Wie kam diese Maus dazu, ihn zu verspotten und zu belehren.

„Komm zur Sache, oder ich fresse Dich!“

„Guten Appetit. Aber Du wirst keine Freude an mir haben. Nun, ich will Dich nicht länger auf die Folter spannen“.

 

Wenn Du begriffen hast, daß das Lieben wichtiger ist als das Geliebtwerden, ergibt sich das Geliebtwerden ganz von selber“

 

„Bist Du sicher, daß man, als man Dich verzaubert hat, nicht auch dein Gehirn verschwinden ließ?“

Nun war die Maus beleidigt.

„Ich werde Dir einen letzten Rat geben und dann verschwinde ich. Kannst Du lesen? Natürlich nicht. Aber ich habe das Buch, um das es geht, bei Deiner Menschenfreundin gesehen. Sie kennt es also. Es geht darin um einen Kleinen Prinzen, der auszog, die Welt kennenzulernen.

Er trifft einige Menschen und er begegnet unter anderem auch einem Fuchs. Der verlangt von ihm, daß er ihn zähmt. Undd er verrät ihm ein Geheimnis:

 

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!

 

„Sieh zu, wie Du das Deiner Freundin beibringst und ihr werdet beide wieder glücklich werden.“

Sprach` s und verschwand.

Der große Kater rieb sich die Augen und wurde den Verdacht nicht los, daß er das alles nur geträumt hatte.

Der Mond zwängte sich immer noch durch die Ritze, aber der Boden war leer. Keine Maus, kein Geheimnis. Er versuchte, wieder einzuschlafen. Aber es gelang ihm nicht, er wälzte sich von einer Seite zur anderen, stellte sich auf seine vier weißen Beine, ließ sich wieder fallen, legte sich die Vorderpfoten über das Gesicht, damit der Mond ihn nicht blendete und doch fand er keinen Schlaf mehr. Wütend und verzweifelt schlug er mit seinem Schwanz hin und her und die Ohren spielten hektisch.

In dieser Nacht muß er dann aber doch eingeschlafen sein, denn er schreckte hoch, als er Schritte hörte und seine Freundin zur Türe hereinkam. Sie sah so traurig aus, sie hatte wiedermal geweint und es brach ihm das Herz, sie so zu sehen.

Sie nahm ihn auf den Arm und liebkoste ihn. Ihr Gesicht verschwand in seinem weichen Fell und er spürte die Tränen.

„Es muß etwas geschehen, so kann es nicht weitergehen“. Er hörte sie diese Worte sagen, sie sprach ihm aus der Seele. Aber wie?

Sie verließ den Raum und überließ ihn seiner Verzweiflung. Da er aber trotz allem nur ein Kater war, machte er sich daran, seinen Tag zu gestalten. Zwischendurch würde er sich um das gemeinsame Problem kümmern.

 Im Laufe des Tages kam er ins Wohnzimmer und er erinnerte sich an die Worte der Maus. Natürlich waren das alles Hirngespinste, er hatte nur geträumt.  Trotzdem fiel sein Blick auf das Bücherregal und er sprang hoch. Dummerweise fielen einige Bücher zu Boden und er zog den Kopf ein um sich klein zu machen. Er lauschte, aber niemand kam, er war alleine im Haus. Er konnte tatsächlich nicht lesen, aber das hätte er niemals zugegeben. Also schaute er sich die Bilder an und er fand ein Buch, auf dessen Umschlag ein kleiner Junge mit strubbeligen blonden Haaren war. Das mußte der Kleine Prinz sein! Vorsichtig nahm er das Buch in sein Maul, sprang vom Regal, lief zum Tisch und legte es dort ab. Sie mußte es finden, ohne Frage. Aber hoffentlich würde sie nicht wütend sein, daß bei dieser Aktion einige andere Bücher zu Boden gefallen waren. Vorsichtshalber würde er sich aber aus dem Staube machen und die Angelegenheit aus der Ferne betrachten.

Später am Abend kam sie nach Hause - alleine. Für den Kater was das ein gutes Zeichen, aber er sah auch, wie müde und traurig sie war. Sie fand die Unordnung im Wohnzimmer und machte sich daran, die Bücher an ihren Platz zu stellen. Daß eines fehlte, fiel ihr nicht auf. Sie ging ins Schlafzimmer um sich umzuziehen, dann in die Küche. Sie füllte den Futternapf des Katers und rief nach ihm. Sie war ihm also nicht böse und so lief er zu ihr, stellte sich in voller Größe und Schönheit vor ihr auf und begrüßte sie mit einem lauten Miau. Sie beugte sich zu ihm hinunter und streichelte sein seidiges Fell. Dann ging sie zurück ins Zimmer.

Endlich fiel ihr das Buch auf. Wie kam es dorthin? Sie setzte sich nieder und begann zu lesen.

Zwischendurch fiel ihr Blick immer wieder auf die Eingangstüre und das Telefon. Doch die Türe wurde nicht geöffnet und das Telefon schwieg. Sie las und merkte nicht, wie der Kater sich an ihre Seite geschlichen hatte. Ihre Hand fiel auf ihn und sie begann wie im Gedanken ihn zu streicheln. Sie kam zu den Kapitel, in dem der Kleine Prinz auf den siebten Planeten kommt - die Erde. Er begegnet dem Fuchs, macht ihn sich vertraut, verläßt ihn wieder. Aber er weiß nun, daß man für das, was man sich vertraut gemacht hat, zeitlebens verantwortlich ist.

Ihre Augen bleiben an dem Satz hängen: man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Sie steht auf und geht zur Bücherwand. Der Kater folgt ihr.

„Was tut sie bloß“ fragt er sich und schaut ihrem hektischen Suchen mit großen Augen zu. Endlich scheint sie gefunden zu haben, wonach sie suchte. Sie nimmt das Buch aus der Wand und geht zurück zum Sofa. Der Kater sitzt schon vor ihr dort und wartet mit gesengtem Kopf, daß sie ihn von diesem angenehmen Platz verscheucht. Aber nichts geschieht. Er darf also bleiben. Erinnerungen kommen hoch, an die Zeit, als er mit seiner Zweibeinerin alleine war. Er traute dem Frieden nicht. Sobald dieser gefühllose Mann kam, mußte er verschwinden, das war dem Kater klar.

Doch es verging dieser Abend und es folgten weitere. Der Mann kam nicht. Ins Haus kamen andere Menschen, die der Kater lange Zeit nicht gesehen hatte, sie spielten mit ihm, streichelten ihn und vor allem diskutierten sie nächtelang mit seiner Menschenfreundin. Sie weinte viel, schrie, tobte, fing sich wieder und die Energie kehrte mehr und mehr zurück. Eines Tages sah der Kater, daß ihre Augen wieder leuchteten und er setzte sich auf ihren Schoß, begann zu schnurren.

„Die böse Zeit ist vorbei, wir haben es überstanden“ sagte sie und sah ihn liebevoll an. „Du hättest schon früher für Unordnung in meinem Bücherregal sorgen sollen. Aber alles braucht wohl seine Zeit. Durch Dich habe ich wieder angefangen zu lesen, viele Stunden lang und ich erkannte, daß ich mir Hilfe holen muß, sonst würde ich sterben. Meine Freunde waren für mich da und die Bücher. Und Du natürlich, du weißpfotiges Biest“.

Er schnurrte immer noch und schloß die Augen zu Schlitzen. Plötzlich sah er im rechten Augenwinkel eine Bewegung. Die Maus! Dort saß doch allen Ernstes diese Maus. Wenn Frauchen sie nun sah, um Gottes Willen, sie würde vor Schreck vom Sofa fallen.

„Verschwinde“ zischte er durch die Zähne. „Du wirst sie erschrecken und das kann ich nicht gebrauchen, so gefestigt ist sie noch nicht. Also sei so gut und verzieh Dich, bevor sie Dich entdeckt“.

„Sei unbesorgt“ widersprach die Maus mit lauter Stimme. „Sie sieht und hört mich nicht, sie ist ja nur ein Mensch. Und die haben zu wenig Phantasie, zu wenig Träume.

Wie geht es ihr? Hast Du ihr das Buch gebracht?“

„Ja“.

„Weiter, was geschah weiter?“

„Sie hat es gelesen“.

„Mach es nicht so spannend, erzähle!“

„Sie hat gelesen und gelesen, sie hat sich an ihre Freunde erinnert und nun glänzen ihre Augen wieder. Ich glaube, sie hat zu sich gefunden.“

„Was ist mit den Gefühlen?“

„Wie meinst Du das?“

„Hat sie ihre Gefühle noch, oder hat diese unselige Beziehung sie hart und herzlos werden lassen?“

„Sie hat ihre Gefühle behalten, trotz allem. Und weißt Du, was sie mir neulich so wie nebenbei gesagt hat?“

„Keine Ahnung, laß es mich endlich wissen!“

„Sie sagte: den Mann, der mich so liebt, wie ich ihn liebe, den gibt es schon irgendwo, ich werde auf ihn warten und ihm jetzt schon treu sein. Und ich weiß, daß für diesen Mann das Lieben wichtiger ist als das Geliebtwerden und daß sich das Geliebtwerden für uns beide ganz von selber ergeben wird.   Aber Du bist ja nur ein Kater und hast davon keine Ahnung.“

„Das waren ihre Worte?“ fragte sie Maus.

„Ja, und sie kamen mir bekannt vor“.

 

„Simba, wach auf, du schnarchst so“.

Das war Frauchen, der Kater schreckte hoch und sah sich unauffällig im Zimmer um. Keine Maus. Er hatte also schon wieder geträumt.......

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